Thorsten Dietz / Claire Désenfant - age consult



Das kost­bars­te Gut unse­rer Zeit: Zeit

Vor eini­gen Jahren habe ich im Erlenhof in Freiburg eine Veranstaltung orga­ni­siert, die allen in Erinnerung geblie­ben ist. Es war ein sehr ein­druck­vol­ler und unge­wöhn­li­cher Abend. Und die­ser hat nicht an Aktualität ver­lo­ren, im Gegenteil. Aus die­sem Grunde möch­te ich hier davon berich­ten.

Ich habe 2005 ein Buch mit der zwi­schen­zeit­lich ver­stor­be­nen Gräfin von Bethusy-Huk her­aus­ge­ge­ben. Dieses Buch heißt… Zwischenzeit. Es ist ein Sammelband über geleb­te Geschichten des Jahres 1945, das Jahr zwi­schen Krieg und Bundesrepublik. Es sind bewe­gen­de, trau­ri­ge, furcht­ba­re aber auch glück­li­che und lus­ti­ge Geschichten. Diese Geschichten sind ein­ge­bet­tet in einem Vorspann einer Abiturklasse des Jahres 2005 und einem Nachspann eines Diplomaten, der auf­zeigt, wie die­ser Krieg zu unse­rem heu­ti­gen Europa geführt hat.

Nun zur Veranstaltung: Es war eine Lesung mit ein­zel­nen Autoren und ein Abendessen. Eigentlich nichts beson­de­res. Wir haben aber alles wie 1945 gestal­tet. Die Deko (Wiesenblumen), die Ausstattung (Gardinen als Tischdecken, altes nicht zusam­men pas­sen­des Geschirr) und das Essen. Unser Koch, Herr Pannen, hat­te Kochbücher von damals stu­diert. Es gab Maisbrot, Muckefuck, Weiße Rüben, Leitungswasser und sons­ti­ges aller­lei wie aus dem Jahr 1945. Manche Bewohner mein­ten, dass die Rüben heut­zu­ta­ge doch nicht so schreck­lich schmeck­ten, wäh­rend ande­re sie immer noch kaum run­ter krieg­ten. Einhellig war aber das Urteil über das Muckefuck…

Vorab hat­te ich dar­über nach­ge­dacht, wel­chen Preis wir von den Gästen, die die­se Veranstaltung besu­chen woll­ten und nicht im Haus wohn­ten, ver­lan­gen wür­den. Ich woll­te zwei Preise, einen für die kom­plet­te Veranstaltung und einen nur für die anschlies­sen­de Lesung, also ohne Essen. Die Ersatzwährung von 1945, die Zigaretten, konn­te ich auf kei­nem Fall neh­men. Beim Joggen (die bes­ten Ideen fal­len einem meis­tens nicht am Schreibtisch ein), frag­te ich mich, was das Gut unse­rer Zeit sei, was kei­ner hat?
Da kam ich auf eine glän­zen­de Idee: Z E I T

Und so soll­ten die Gäste mit ihrer eige­ner Zeit bezah­len. Die Lesung allein kos­te­te eine Viertelstunde, Lesung mit Abendessen Dreiviertelstunde. Diese Zeit soll­ten sie unse­ren Bewohnern und Bewohnerinnen schen­ken. Was jeder in die­ser Zeit machen woll­te, blieb ihm über­las­sen. Er konn­te Zeitung lesen, Spazieren gehen, spie­len, beim Café beglei­ten oder sonst etwas machen. Die Idee fan­den alle, Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ganz toll. Aber… es war schon ver­blüf­fend zu erfah­ren, wie vie­le Gäste das Portemonnaie gezuckt haben und mit Geld bezah­len woll­ten. Einige lies­sen sich gar nicht über­zeu­gen bzw. umstim­men: sie hät­ten doch kei­ne Zeit, nicht mal eine Viertelstunde…

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