Thorsten Dietz / Claire Désenfant - age consult



Fachkraftmangel und neu­es Verständnis der Leitungsaufgabe

Alle spü­ren es: es wird immer schwie­ri­ger Pflegefachkräfte zu fin­den. Dabei müs­sen sta­tio­nä­re Einrichtungen die Fachkraftquote von 50 % ein­hal­ten. Aber wie, wenn der Arbeitsmarkt leer gefegt ist? Es geht schon durch die Presse: Manche Einrichtungen müs­sen schlie­ßen, man­gels Fachkräfte. Dabei steigt aber die Zahl der pfle­ge­be­dürf­ti­gen alten Menschen.

Hier eine klei­ne Analyse:

Im Juli 2010 ver­zeich­net die Bundesagentur für Arbeit bun­des­weit 2.397 offe­ne Fachkraftstellen in der Altenpflege. Effektiv sind viel mehr Stellen frei, denn die meis­ten wer­den gar nicht der Agentur für Arbeit gemel­det. Wer hat denn die­se Erfahrung nicht gemacht: Ankündigungen von Arbeit suchen­den­den Fachkräften flat­tern ins Haus und kei­ner mel­det sich? Nach sol­chen Erfahrungen ver­zich­ten vie­le Träger auf eine Meldung beim Arbeitsamt. Sie wäh­len ande­re Methoden der Fachkraftakquise.

Nach dem Pflege-Monitor Hessen, eine Untersuchung im Auftrag des hes­si­schen Gesundheitsministeriums, feh­len 2010 ins­ge­samt 719 Pflegefachkräfte, wohl bemerkt nur in der hes­si­schen Altenhilfe. Wenn man die­se Zahl auf die Bundesrepublik hoch­rech­net, dann wären bun­des­weit rd. 10.000 Fachkraftstellen unbe­setzt. Nach Schätzung vom Arbeitgeberverband Pflege wür­den gar 50.000 Fachkräfte feh­len. Welche Zahl nun kor­rekt ist, lässt sich schwer ermit­teln. Eins ist aber klar: der Fachkraftmangel wird zu einem bri­san­ten Politikum. Die Hochrechnungen für das Jahr 2020 sind natür­lich noch erschre­cken­der, denn der demo­gra­phi­sche Wandel geht wei­ter.

Was ist zu tun?

Einerseits muss der Beruf über­haupt bekannt und aner­kannt wer­den. Er muss auch attrak­ti­ver wer­den, damit mög­lichst vie­le Personen sich in dem Altenpflegeberuf aus­bil­den las­sen. Diese Strategie wird aber erst in der Zukunft Früchte tra­gen, denn sie wird bekann­ter Weise frü­hes­tens in drei Jahren grei­fen.

Die Einführung von Green Cards für aus­län­di­sche Fachkräfte könn­te umge­hend wir­ken, mit fata­len Folgen übri­gens für die Länder aus wel­chen die­se Fachkräfte stam­men, denn auch sie lei­den unter dem demo­gra­phi­schen Wandel.

Ein ande­rer Aspekt muss u. E. noch viel mehr in das Bewusstsein der Leitungskräfte vor­drän­gen: es reicht nicht aus, mehr neue Fachkräfte zu „pro­du­zie­ren“,  man muss die Bestehenden, die Aktiven „pfle­gen“, so dass sie ihren Beruf wei­ter aus­üben kön­nen, nicht krank wer­den oder gar in Frührente gehen müs­sen.

Noch eini­ge Zahlen:

Psychische Erkrankungen wer­den zur Ursache Nr. 1 von Fehltagen. Dieses bestä­ti­gen Untersuchungen der AOK wie auch der DAK und der TK. Tendenz stark stei­gend. Eine eben­so häu­fi­ge Ursache von Fehltagen (ca. 10 %) sind Rückenleiden. Nach Prof. Joachim Fischer vom Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin (MIPH) ist aber chro­ni­scher Stress wesent­li­cher Mitverursacher von Rückenschmerzen, Herzinfarkt, Diabetes, Migränen usw.. Das heißt, dass Stress und Burnout nicht nur die psy­chisch beding­ten Fehltagen son­dern indi­rekt ande­re Erkrankungen und somit auch Fehltage ver­ur­sa­chen.

Nach einer Statistik der Rentenversicherung aus dem Jahr 2007 sind psy­chi­sche Erkrankungen die Hauptursache für Frührente: zu 29 % bei Männern und zu 40 % (!) bei Frauen. Die zweit-größ­ten Ursachen für die Frühberentung sind mit 16 % Erkrankungen von Skelett, Muskeln oder Bindegewebe. Dieses scheint eine logi­sche Folge der Fehltagen-Entwicklung zu sein.

Diese Zahlen zei­gen ein­deu­tig: wir müs­sen etwas für die Psychohygiene unse­rer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun. Das sich die­ses lohnt, steht außer Frage, nicht nur aus betriebs­wirt­schaft­li­cher Sicht (ein AU-Tag kos­tet zwi­schen 100 und 200 €), son­dern auch aus Sicht des Personalmanagements. Wir kön­nen es uns ein­fach nicht mehr leis­ten —  ange­sichts des ekla­tan­ten Fachkraftmangels —  erfah­re­ne und ein­ge­ar­bei­te­te Fachkräfte zu ver­lie­ren!



Hinterlasse eine Antwort

*